Gedanken zum 1. Mai von Univ. Prof. Mag. Dr. Leopold Neuhold


Die Schafe grasten im Schatten der Mauer. Als wir zwei Stunden später wieder vorbeikamen, waren sie nicht mehr da. Erst jetzt merkten wir, dass sie dagewesen waren.

 

Wir nehmen vieles als so selbstverständlich hin, dass wir es gar nicht mehr merken. Manche Arbeiten etwa werden einfach erledigt, ohne dass wir es wahrnehmen und ohne dass sie unsere Beachtung finden. Dies merken wir gerade in unserer Zeit der Krise. Was uns überhaupt nicht präsent war, wird uns jetzt bewusst. Hierin liegt die Herausforderung, uns bewusst zu machen, dass Arbeit in den verschiedensten Formen Grundlage unseres Lebens und des gesellschaftlichen Zusammenhangs ist. Gerade angesichts der Tatsache, dass manche nichts tun dürfen oder ihnen die Arbeit zum Teil genommen worden ist, stellen wir fest, dass Arbeit nicht nur für die Gesellschaft wichtig ist, sondern ein wesentliches Moment unserer Sinnerfüllung.

Damit wir nicht erst dann draufkommen, wie wichtig etwas ist, wenn es nicht mehr da ist, sollten wir nachdenken, wie wichtig Arbeit für uns selbst und unsere Gesellschaft ist. In weiterer Folge sollten wir uns Gedanken darüber machen, welche Tätigkeiten wir als Arbeit würdigen und welche nicht, welche Tätigkeiten wir auf-Werten sollen. Der erste Mai sollte für uns Anlass sein, darüber nachzudenken und Arbeit neu zu denken. Die Normalität, zu der wir schön langsam zurückzukehren hoffen, soll ja nicht ein Eins-zu-eins-Abbild der alten Normalität sein, sondern eine neue Normalität, in der Beengungen der alten Normalität aufgebrochen werden. Arbeit kann dann in neuer Form Sinnerfüllung für die Person und die Gesellschaft bedeuten.

Herzlich bedanken möchte ich mich bei allen, die in dieser Zeit der Krise Außerordentliches geleistet haben und leisten, deren Leistungen oft unbedankt geblieben sind und die in Eigenverantwortung tätig geworden sind, ohne dass es damals ein Schlagwort war. Es ist zu spät, wenn wir erst dann merken, wie wichtig ihre Arbeit war, wenn sie einmal nicht mehr getan wird. Der ÖAAB steht für diesen Blick auf Auf-Wert-ung dessen, was für uns alle die Basis eines gelungenen Lebens sein kann.

Ihr Leopold Neuhold